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Montag, 27.06.11
20 Jahre Getreidezüchtung in Silstedt
Auf Winterweizen fokussiert
Anlässlich des 20-jährigen Bestehens der Getreidezüchtung in Silstedt bei Wernigerode haben RAGT Saaten und RAGT 2n (die Züchtungssparte von RAGT) Interessierte aus Landwirtschaft, Handel, Mühlen und Offizialberatung am 25. Juni 2011 zu einer Informationsveranstaltung in die Zuchtstation eingeladen. Auf dem Programm standen Fachvorträge zu aktuellen züchterischen und verarbeitungstechnischen Themen rund um den Winterweizen. Am Nachmittag fanden Führungen durch die Zuchtstation, die Agrargenossenschaft Silstedt sowie Versuchsanlagen für Winterweizen statt.
Seit 20 Jahren wird in Silstedt intensiv Winterweizen gezüchtet. Die Zuchtstation ist dem Fachbereich RAGT 2n unterstellt, der innerhalb der französischen RAGT-Gruppe alle für
die Landwirtschaft wichtigen Kulturen züchterisch bearbeitet. Vertrieb der Sorten erfolgt in Deutschland über RAGT Saaten mit Sitz in Herford.
In Silstedt werden Weizensorten speziell für den deutschen Markt sowie klimatisch ähnlichen Regionen in den Nachbarländern entwickelt. Dies schließt die Vermehrung von Zuchtgarten-elite bis zum Vorstufensaatgut ein. Die Zuchtstation wird von Andreas Fürste geleitet, der sie auch vor 20 Jahren mit begründet hat. Der Diplom-Agraringenieur und Fachingenieur für Pflanzenzüchtung ist für die Leitung der Station zuständig und beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit den späten Weizen-Generationen beginnend mit F7 bis zu den frühen Vermehrungen. Die Leitung des deutschen Weizenzuchtprogramms obliegt dem Diplom-Agraringenieur Hilmar Cöster. Er ist seit 16 Jahren in Silstedt tätig und hat schon vorher in einem bayerischen Saatzuchtbetrieb erfolgreich Getreide gezüchtet. Die beiden Züchtungsprofis führen mit ihrem sechsköpfigen Team pro Jahr etwa 600 Kreuzungen durch und betreuen unterstützt durch Saisonarbeitskräfte 40 ha Zuchtgartenfläche, die von der örtlichen Agrargenossenschaft gepachtet sind. Mit sieben weiteren Prüfstandorten in Deutschland deckt die Zuchtstation Silstedt alle wichtigen Weizenanbaugebiete in der Bundesrepublik ab.
Eng vernetzt
Die Zuchtstation war 1991 von Unilever, dem damaligen Eigentümer der Plant Breeding
International (PBI) Cambridge, gegründet worden. 2004 übernahm RAGT PBI und die Zuchtstation in Silstedt. Wissenschaftlich-technisch arbeitet die Zuchtstation selbständig
mit einem eigenen Programm. Mit dem ehemaligen PBI Institut in Cambridge, das über Glashauskapazitäten, eines der modernsten Qualitätslabors und das größte Markerlabor
im Bereich Weizenzüchtung verfügt, unterhält sie eine enge Kooperation. Beide tauschen genetisches Material aus und bilden mit den insgesamt vier Winterweizenprogrammen von RAGT ein effizientes Netzwerk für Sortenprüfungen in unterschiedlichen Klimaregionen.
Neben den Aktivitäten im Bereich Winterweizen führt die Zuchtstation in Silstedt Ertragsversuche u. a. für Sommer- und Wintergerste, Winterraps, Triticale und Sommerweizen, sowie Soja und Futterpflanzen durch.
Klar definiertes Zuchtprogramm
Das deutsche Weizenzuchtprogramm ist auf kurze bis mittelkurze Sorten mit hohem, stabilem Ertragsvermögen, sicherer Qualität sowie einer hohen Resistenz gegen alle bedeutsamen Schaderreger ausgerichtet. Der Schwerpunkt liegt auf A- und B-Sorten. In den vergangenen vier Jahren hat das Bundessortenamt fünf Winterweizensorten aus Silstedt neu zugelassen – diese Zahl wurde von keinem anderen Züchter übertroffen. Mit den Neuzüchtungen Meister und Linus stellte RAGT 2010 die beiden ertragsstärksten Neuzulassungen im A-Weizen-Segment. Sie sind aktuell die einzigen A-Weizen am Markt mit den Höchstnoten 9/8 im Kornertrag (unbehandelt / behandelt). Ebenfalls neu in den deutschen Markt eingeführt ist die frühreife, begrannte A-Weizensorte Arezzo. Das Weizenzuchtprogramm verbindet schnelle Generationenfolge auf Grundlage von Single Seed Descent (SSD) mit sorgfältiger Feldselektion über mehrere Jahre an vielen Orten. In den frühen Generationen setzen die Züchter besonders auf markergestützte Selektion, zum Beispiel bei schwer erkennbaren Krankheiten wie Virosen und Halmbruch und zur Einkreuzung von neuen Resistenzgenen beispielsweise gegen Fusarium. Allein für das deutsche Programm werden pro Jahr Tausende von Proben analysiert. Durch die konsequente Resistenzzüchtung konnte beispielsweise bei Ährenfusarium erreicht werden, dass die Anfälligkeit der RAGT-Sorten vom Bundessortenamt in den letzten Jahren durchweg mit gut bis mittel eingestuft wurde. Von der Einlagerung neuer Resistenzgene versprechen sich die Weizenzüchter bei RAGT, die Ährengesundheit noch weiter zu verbessern.
Die Züchtungsexperten von RAGT 2n forschen kontinuierlich nach Markern für Resistenz-
und physiologisch wirksamen Genen sowie nach ertragsbildenden Faktoren. Mit inzwischen mehr als 2000 Mikrosatelliten-Markern zählt RAGT zu den weltweit führenden Unternehmen bei der Anwendung von genetischen Markern im Weizen. Eine führende Position nimmt
RAGT auch bei der Resistenz gegen bodenbürtige Viren beim Weizen ein. Drei Sorten (Florett, Mirage und Carenius) sind nach Untersuchungen des Julius Kühn Instituts resistent. In Kooperation mit verschiedenen Forschungsinstituten arbeitet RAGT an der Resistenz gegen die Weizengallmücke, Halmbruch und Gelbverzwergung beim Weizen. Neben der Insekten- und Virustoleranz beschäftigt sich RAGT derzeit intensiv mit der Toleranz gegenüber stärker schwankenden Klimaeinflüssen. Um die Trockentoleranz zu steigern, werden Weizenstämme nicht nur mit den französischen und tschechischen Zuchtstationen ausgetauscht und einge-kreuzt, sondern auch mit dem CIMMYT in Mexiko, das auf Weizensorten für Trockengebiete spezialisiert ist. Für Tests wurden eigens Trockenstandorte in das bestehende Prüfungsnetz in Deutschland integriert.
Internationale Züchtungsaktivitäten von RAGT
RAGT 2n unterhält in Europa ein Netzwerk von 19 Zuchtstationen und bearbeitet züchterisch 24 Arten, u. a. Getreide, Mais, Sorghum, Soja, Sonnenblumen und Raps sowie Futterpflanzen. Durch die 2010 besiegelte Kooperation mit der französischen InVivo-Gruppe, dem frankreich- und europaweit größten Zusammenschluss von Einzelgenossenschaften, konnte RAGT seine Züchtungsaktivitäten bei Getreide und anderen Fruchtarten weiter ausbauen. Im Zuge der Kooperation wurde Serasem, die Züchtungsabteilung von InVivo, im vergangenen Jahr vollständig in RAGT 2n eingegliedert. Produktion und Vertrieb der bei RAGT 2n gezüchteten Sorten erfolgen durch RAGT Semences mit 18 über ganz Europa verteilten Vertriebsniederlassungen. RAGT erzielt im Züchtungsbereich einschließlich Saatgutproduktion und -vertrieb einen jährlichen Umsatz von über 156 Mio. Euro und beschäftigt 650 Mitarbeiter.


